Da liegt es nun hinter uns, das Jahr 2012 – und ein kleiner Rückblick sei mir in diesem beinahe noch jungfräulichen Blog wohl gegönnt. Da ein vollumfänglicher Einblick in diese 365 Tage jedoch den Rahmen dieses Artikels sprengen würde, will ich mich auf einen kleinen, wenn auch nicht unbedeutenden Aspekt beschränken: die Musik.
Konzerte
My Dying Bride (14.12.2012 in der Batschkapp, Frankfurt)
Mein erstes Headliner-Konzert der britischen Legende. Grandios. Weltklasse. My Dying Bride spielten mit einer unglaublichen Erhabenheit – jeder Ton saß, jede Harmonie war perfekt.
Ahab/Esoteric (09.06.2012, in Oberhausen)
Der Beweis wurde erbracht: Ahab können nicht nur grandios Alben aufnehmen, sondern gehören auch zu den begnadeteren Livebands dieses Planeten. Wären My Dying Bride nicht später noch nach Deutschland gekommen, gehörte dieses Konzert unangefochten an die Spitze meines Konzertjahres. Die Vorband Ophis war mit ihrem Doom/Death ebenfalls sehr unterhaltsam, während die dritten im Bunde “Esoteric”… nun, ja: sogar für meine Ohren zu extremen Doom spielten.
Opeth/Anathema (23.11.2012 in der Christuskirche, Bochum)
Opeth und Anathema unplugged quasi vor der eigenen Haustür. Was will man mehr? Anathema waren jedoch nicht so richtig unplugged, sondern spielten zu zweit (Danny und Vincent) mit Loop-Effekt speziell arrangierte Arrangements ihrer Stücke. Sehr interessant und vor allen Dingen mal ein Blick von ungewohnter Seite auf das hinlänglich bekannte Songmaterial. Bei den gnadenlos vom Publikum bejubelten Opeth wiederum musste man sich fast Sorgen um den Gemütszustand von Bandchef Mikael machen. War er auf früheren Konzerten, denen ich beiwohnen durfte, noch ein durchaus unterhaltsamer Entertainer, hatte ich diesmal fast das Gefühl, dass nicht mehr viel fehlte, und er hätte das Musizieren ganz sein gelassen, um sich voll und ganz auf Scherze und Anekdoten zu verlagern.
Anathema, Amplifier (24.04.2012 im Stollwerck, Köln)
Anathema als Headliner, immer wieder empfehlenswert. Guter Sound, gut gelaunte Band. Danke.
Die Vorband “Amplifier” war überraschend gut – zumindest live, auf Scheibe nicht so ganz mein Fall.
Alcest/Les Discrets (24.02.2012 im Schacht 1, Oberhausen)
Mit diesem Konzert wechselte sozusagen meine Präferenz, was beide Bands angeht. Sagten mir zuvor noch Les Discrets mehr zu, präsentierte sich mir hier mit Alcest eine perfekt eingespielte Hauptband, während Les Discrets etwas unbeholfen und unroutiniert wirkten. Alcest verschafften mir auf diese Weise einen tieferen Zugang zu ihrer Musik, wodurch sich ihr aktuelles Album “Les Voyages de l’Âme” auf längere Zeit in meinem mp3-Player einnistete.
Nachtgeschrei (29.03.2012 im Nachtleben, Frankfurt)
Nachtgeschrei ist eine grandiose Band, die hervorragende Kompositionen mit professioneller Instrumentierung und einem charismatischen, genre-untypischen Sänger verbindet. Durch den Weggang eben diesen Sängers ist die Zukunft der Folk Metaller nun etwas ungewiss, so dass an diesem Abschiedsgig nichts vorbei führte. Ein schöner, verschwitzter Auftritt.
Empyrium/Dornenreich (21.01.2012 in der Christuskirche, Bochum)
Etwas ganz besonderes schneite im Januar aus dem Hause Prophecy herein. Empyrium, die in der Vergangenheit nicht unbedingt durch exzessives Touren von sich reden machten, sollten in großer Besetzung in der Bochumer Christuskirche spielen. Unterstützt von Label-Kollegen von Alcest, Les Discrets und Dornenreich spielten sich Schwadorf und Helm durch die Bandgeschichte. Auch wenn der Sound nicht ganz die Perfektion erreichte, die sich die Musiker sicherlich gewünscht hätte, war es doch ein wunderschönes Konzert in passendem Ambiente, das den stolzen Eintrittspreis vollkommen rechtfertigte.
Alben
1. My Dying Bride – A Map of all our Failures
Den absoluten Höhepunkt des Jahres schafften die Götter des britischen Doom Metals My Dying Bride. Nachdem ich die Band in den Anfangstagen meines Musikhörens mit “The Angel and the Dark River” kennen- und liebengelernt hatte und jedes einzelne der nachfolgenden Alben verschlang, muss ich gestehen, dass mich das Schaffen ab der Jahrtausendwende nicht mehr ganz so begeistern konnte wie die Frühwerke. Erst 2009 schlug “For Lies I Sire” wieder voll ein und reihte sich nahtlos in die alten Werke ein. Nun, 2012, kam das Nachfolgealbum und es schickt sich an, sich auf Platz 1 zu hieven. Grandiose Riffs stoßen auf wunderschöne Melodien, die Zweistimmigkeit der Gitarren war kaum jemals packender, die Geige wurde bewusst zurückhaltend eingesetzt, um ihren Effekt nicht abzunutzen. Der vordergründigste Unterschied zu den vorhergegangenen Alben jedoch ist der Gesang: Aaron singt ungewohnt eingängig und melodisch, und auch der vorsichtige Einsatz von Chören und zweistimmigem Gesang ist ein neues Stilmittel, das My Dying Bride recht gut zu Gesicht steht. Als empfehlenswert sei an dieser Stelle “The Poorest Waltz” genannt, ein Ohrwurm, der mich kaum wieder loslässt.
2. Ahab – The Giant
Der zweite Platz geht ebenfalls in die Doom-Sparte. Die Süddeutschen Ahab haben sich klammheimlich in die erste Liga gespielt und liefern nun mit “The Giant” definitiv ein Album von Weltklasseformat ab. Der höchst eingängige Stil ist zwar im Funeral Doom verwurzelt, geht aber nicht in Richtung Shape of Despair, die mit einer Fassade aus Monotonie ihre Art der Eingängigkeit herstellen. Bei Ahab sind es der Gesang, der von abgrundtiefem Grollen bis hin zu einem fragilen Klargesang reicht, sowie die melodischen Riffs, die – in ausgereifter Komposition eingebettet – die Qualität der Band ausmachen. Alle Melodien und Harmonien klingen derart perfekt, dass man sich unwillkürlich fragt, warum die Lieder bisher noch nicht geschrieben wurden, die Akkorde und Tonfolgen liegen doch auf der Hand. Danke, Ahab – mal sehen, ob ihr es schafft, dieses zu toppen. Ich kann es mir nur schwerlich vorstellen.
3. Enslaved – Riitiir
Enslaved begleiten mich, seitdem ich mir damals die “Frost” als eine meiner allerersten CDs gekauft habe. Sowohl der rohe Black Metal jener Frühtage als auch der darauf folgende Progressive Metal konnten mich immer wieder überzeugen, und so ist auch das 2012-Werk “Riitiir” ein alternativloser Kauf gewesen. Fakt ist jedoch, dass die Unberechenbarkeit von damals, die jedes Mal für große Überraschungen bei neuen Alben sorgte, mittlerweile ein recht fest umzeichneter Stil geworden ist, den die Norweger von Werk zu Werk verfeinern. Der Opener “Thoughts like Hammers” lebt von seinem Götterriff, vom Rest des Materials kann ich nicht unbedingt behaupten, dass es für ein 10-Punkte-Album reicht. Nichtsdestotrotz gibt’s auch hier eine uneingeschränkte Kaufempfehlung.
4. Alcest – Les Voyages de l’Âme
Eine relativ neue Entdeckung für mich sind auch die Franzosen von Alcest. Über das Vorgängeralbum stolperte ich eher zufällig und fand es nicht schlecht. Erst “Les Voyages de l’Âme” jedoch weiß mich in vollem Umfang zu überzeugen. Verträumter Black Metal, herrliche Soundlandschaften, sehr gute Instrumentierung, unverwechselbarer Gesang. Ein Album, auf das die Bezeichnung “schön” noch am Besten passt.
5. Katatonia – Dead End Kings
Nun, auch bei Katatonia macht sich ähnlich wie bei Enslaved so langsam der Zahn der Zeit zu schaffen. Der Stil wurde gefunden, wird weiter perfektioniert – die großen Glanzleistungen lassen jedoch auf sich warten. Im Gegensatz zu Enslaved fehlen bei Katatonia zudem die grandiosen Riffs und Breaks, ihr Metier sind eher die vertrackten Strukturen, was jedoch eindeutig zu Lasten der Eingängigkeit geht. Kopfmusik nennt man das wohl am Treffendsten. Mir fehlt jedoch der Zugang zu diesem Album, “Last Fair Deal Gone Down”, das mittlerweile zwölf Jahre zurückliegt, bleibt mein Favorit der Schweden.
6. Les Discrets – Ariettes Oubliees
Gehörte das Vorgänger, das Debutalbum “Septembre Et Ses Dernières Pensées” (2010), zu den Überraschungen des Jahres und heute noch zu meinen Lieblingen, war ich natürlich dementsprechend auf den Nachfolger gespannt. Leider konnte Fursy Teyssier die Qualität nicht halten. Das Debut überzeugte durch einen großen Abwechslungsreichtum, als wäre das Material über einen längeren Zeitraum entstanden, “Ariettes Oubliees” wirkt mehr wie aus einem Guss, dadurch weniger originell, die großen Momente fehlen. Schade, ich werde die Band dennoch weiter beobachten.
7. Anathema – Weather Systems
Tja, mit Anathema reiht sich die dritte Band mit Ermüdungserscheinungen in dieses Jahr ein. “Weather Systems” gehört für mich mit “A Natural Desaster” zu den schwächsten Alben der Band, obschon ich hier sicherlich auf hohem Niveau jammere. Schade auch deshalb, weil als Produzent diesmal mit Christer-André Cederberg ein Ex-Mitglied der legendären In the Woods… fungierte. Der Sound des Albums ist glatter, “poppiger”, moderner als von der Band gewohnt.
8. Janus – Auf Winterreise
DIE Überraschung des Jahres lieferten vielleicht Janus ab. Nicht dass bloße Lebenszeichen ausgereicht hätten, um die immer noch existenten Fans zu Herzinfarkten zu treiben, nein! man unterbrach den Janusschlaf sogar für eine neue CD. Kein neues Material zwar, dafür aber Aufnahmen der letzten Winterreise im Jahre 2005, auf der die Band im Stile eines Kammerorchesters mit Streichern und ohne jegliche Verstärkung ihre Lieder in speziell arrangierten Versionen einem kleinen Publikum darbot. Es kommt einem gewissen Sadismus seitens der Band gleich, da Aufnahmen auf CD nie und nimmer auch nur im Ansatz an dieses damalige unvergleichliche Konzerterlebnis herankommen können. Dafür schulden uns die beiden Musiker mindestens ein neues Album.
9. Unleashed – Odalheim
Und dann war da noch: Unleashed. Eine latent für gut befundene Band, deren Werdegang ich eigentlich nicht sonderlich verfolge. Ich weiß nicht wie, aber das neue Werk “Odalheim” verirrte sich in meine Sammlung und auf meinen mp3-Player, den es über einen längeren Zeitraum blockierte. Eingängiger, fast schon gut gelaunter Death Metal, der mit dem i-Tüpfelchen an technischer Finesse gespielt wird. Das Album macht einfach nur Spaß.