Furcht vor der Fiktion
Filed Under (Filmische Leistungen) by Vistin on 15-02-2009
Tagged Under : Fiktion, Film, H.G. Wells
Der von Jerome Bixby geschriebene Film “The Man from Earth” (2007) ist nicht nur sehenswert und setzt sich mit interessanten Ansätzen in der Philosophie und Psychologie auseinander, er greift auch einen faszinierenden Aspekt des menschlichen Wesens auf: die Angst vor der Fiktion.
Der Mensch entwickelt eine geradezu unendliche Toleranz gegenüber der Realität. Angst empfinden wir ausschließlich vor Dingen, die noch nicht sind. Treffen sie ein, können wir meistens mit ihnen umgehen. Wie unmöglich uns das Leben ohne eine geliebte Person vorkommen mag – ist dieser Mensch gegangen, leben wir doch weiter. Fakten schrecken uns nicht. Wenn wir unseren Arbeitsplatz erst einmal verloren haben, können wir damit umgehen, während die Unsicherheit vor der eigentlichen Kündigung uns geradezu lähmen kann.
Diese Angst vor dem Unbekannten entsteht auch in der Realität aus der Fiktion, nämlich unserer Vorstellungskraft. Wir malen uns Szenarien aus, die wir befürchten, und schüren so unsere eigene Angst. Was passiert jedoch, wenn man die Realität von der Fiktion trennt? Können wir etwas fürchten, dessen Realität wir bezweifeln? Oder können wir die Fiktion an sich fürchten?
Das was Fiktion so bedrohlich macht, ist, dass sie weder bewiesen noch widerlegt werden kann. Das Wörtchen “wenn” macht Fiktion so bedrohlich. Alles was wir uns vorstellen können, ist potenziell möglich. Ein bekanntes Beispiel ist die Legende über die Ausstrahlung des Hörspiel “Krieg der Welten” von H. G. Wells 1938, bei der es zur Massenpanik gekommen sein soll. Nur wenige Menschen würden zugeben, an Außerirdische zu glauben, doch kaum kommt auch nur der Hauch eines Beweises auf, schon kippt die Realität und die Angst gewinnt die Oberhand.
“Das ist nicht real”, “Das ist doch nur Fiktion” sind häufige Ausreden, mit denen wir uns beruhigen. Mit dem Vorhang der Fiktion decken wir Dinge zu, die wir im Augenblick nicht fürchten möchten, die wir verdrängen. Dieser Mechanismus ist durchaus vernünftig, weil uns sonst unbeweisbare Gedankenspiele völlig lahm legen würden. Doch diese Sicht darf nicht dazu führen, das wir das Fiktive völlig verdrängen und zur Banalität herabstufen! Einerseits besteht auch die Realität nicht immer nur aus Fakten, sondern auch aus Wahrscheinlichkeiten und hypothetischen Möglichkeiten, mit denen wir umgehen müssen und die wir ernst zu nehmen haben, andererseits ist Fiktion immer auch eine Spielwiese, auf der wir die Realität erproben können. Dabei ist es egal, ob wir Gedankenmodelle zur globalen Erwärmung konstruieren oder potenzielle Verläufe und emotionale Auswirkungen einer hypothetischen Beziehung durchspielen.
Das, was uns an der Fiktion so fesselt und uns oft solche Angst macht, ist die Option, dass sie wahr sein könnte, und das, obwohl die erste Prämisse von Fiktion eben ihre Unwahrheit ist. Ist das nicht paradox?
