Lebendig tot

Filed Under (Aus der Tagespresse) by Vistin on 15-02-2009

Eluana Englaros ist am 9.02.09 gestorben. Sie ist verhungert, und das unter den Augen von Ärzten, ja sogar mit deren Hilfe und auf den Wunsch ihrer eigenen Familie hin. Wenn man es so schreibt klingt es grausam, unmenschlich, ja barbarisch. Doch Eluana war eigentlich schon vor 17 Jahren gestorben, bei einem Autounfall, nach dem sie in ein irreversibles Koma fiel. Ihr Fall hat Italien aufgewühlt und den Menschen, die froh sein können, es bisher nicht gewusst zu haben, gezeigt, was man alles unternehmen muss, um aktive Sterbehilfe betreiben zu können.

Eluana hat es nicht mitbekommen, doch ihre Familie ging durch etliche Gerichtsverfahren um endlich den Urteilsspruch zu bewirken, der es den Ärzten erlaubte die künstliche Ernährung einzustellen. Das Parlament und der Ministerpräsident Berlusconi versuchten ihren Tod noch in letzter Minute mit einem Dekret zu verhindern. Kritiker und der Vatikan sprechen von Mord. Doch wo liegt die Grenze zwischen Tod und Leben? Ist es wirklich so banal an den Lebensfunktionen feststellbar? Was ist mit der Seele? Gerade die Kirche müsste doch bedenken, dass in einem solchen Fall eine Lebende Seele in einem toten, oder zumindest nicht mehr lebensfähigem, Körper gefangengehalten wird. Ist das besser mit dem Glauben vereinbar, als Sterbehilfe?

Diese Geschichte aus der Sicht Eluanas zu schreiben, wäre wahrscheinlich makaber und doch ist diese Perspektive für einen Literaten vorstellbar, wie ist es, wenn der Prozess der Sterbens angehalten wird. Wenn man fällt und jemand hält die Zeit an, kurz bevor man unten aufschlägt. Ist es wirklich eine wundersame Rettung und doch eher eine Tantalos-Strafe? Wie sehr wir den Tod auch fürchten, so gehört er doch auch zum Leben, und die Natur hat es so eingerichtet, dass wir uns in bestimmten Lebenslagen und in einem gewissen Alter nach ihm sehnen, in ihm die Erlösung sehen. Doch wenn man sich auf das medizinische Urteil verlassen will, so konnte Eluana diese Sehnsucht nicht mehr empfinden. Mit ihrer Familie ist es etwas anderes.

Wie fühlt es sich an, seinem Kind 17 Jahre beim Sterben zuzusehen, ohne auch nur die geringste Hoffnung auf eine Rettung. Was muss in einem Vater alles passieren, damit er beginnt um den Tod seines Kindes zu kämpfen? Ich möchte diese Fragen hier nicht weiterführen, weil ich nicht weiß, ob man sich so etwas überhaupt ausmalen kann, oder ob man darüber schreiben könnte, wenn man es erlebt hätte.

Das Thema des Rechts auf den Tod ist ein sehr heikles und sehr anspruchvolles. Die Recherche würde Nervenstärke und unendliches Feingefühl erfordern und selbst dann liefe man gefahr all die Betroffenen mit dem fertigen Werk zu verletzen. Ist diese Gefahr bereits ein Grund dieses Thema ruhen zu lassen? Vielleicht ist ein solches Schicksal wie das von Eluana Englaros und ihrer Familie schon in der Zeitung frustrierend genug und kann auf eine literarische Verarbeitung verzichten.

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