Schulautonomie – Wie man es macht, macht man es falsch

Filed Under (Aus der Tagespresse) by Vistin on 17-03-2010

Das neue Schlagwort in der Bildungspolitik heißt: Schulautonomie. Eine vom Grundkonzept gute Idee, denn wieso sollte in Bochum-Stiepel Chinesisch nicht zum Schulfach werden, wenn ausreichend Interesse besteht, während in gewissen Gegenden der Deutschunterricht verstärkt werden sollte, weil die meisten Schüler ihre “zweite Fremdsprache ” bereits von Haus aus beherrschen und daher nicht mit Französisch und Spanisch gequält werden müssen. Es sollten Konzepte, Ideen vermittelt werden und nicht sture  Inhalte. Doch dann kommt die Schattenseite: Natürlich investiert Siemens in die Kölner Berufskollegs, weil diese ihnen einerseits die Fachkräfte heranzüchten und andererseits für ein gutes Image sorgen. Doch welcher Direktor könnte Opel dazu bringen, in eine Bochumer Hauptschule zu investieren? Welcher hochqualifizierte Didakt für Physik und Spanisch möchte in einer Dorfgesamtschule unterrichten, die 150 km vom nächstgelegenen Theater entfernt ist? Während sich das Gymnasium im malerischen Vorort von Berlin vor Bewerbungen kaum retten kann.

Und so können wir wählen, zwischen dem Teufel und dem Beelzebub. Die Medien wie auch die Politiker sprechen von “Kompromissen” – aber mal ehrlich: Ein Kompromiss ist doch nur ein Verlust für beide Seiten. Wie will man Freiheit kontrollieren? Wie Individualität vereinheitlichen? Wie Leistung gleichmäßig verteilen? Wenn man den Schulen Autonomie geben will, ohne die Schere zwischen Brennpunkten und Wohlstandsnestern weiter aufzureißen, muss man nicht “Autonomie” neu definieren, sondern “Schule”.

Vielleicht zeigen die Probleme, die Deutschland in der Bildungspolitik hat, dass sich das Konzept von Schule als Organisationsform, wie auch als Institution überlebt hat. Schule sollte kein Gebäude im Viertel xy sein, dessen Zuständigkeit sich über geographische Nähe oder willkürlich gesetzte bürokratische Grenzen ergibt, sondern ein geistiges Modell sein, das durch mehrere Gebäude an unterschiedlichen Orten repräsentiert wird. Wenn sich drei Schulen aus unterschiedlichen Gebieten unter demselben Motto, derselben pädagogischen oder fachlichen Idee versammeln und als eine Institution über das Gebäude, über das Viertel hinaus agieren, werden Gelder aus bessergestellten Schichten in schwächere Gegenden fließen, Vielfalt auch in abgelegene Gegenden gebracht werden.

Der einzige mögliche Kompromiss, der den Schulen Autonomie gibt, ohne sie zu spalten, bedeutet, dass man nicht das Was und das Wie vorgibt, sondern nur das “mit wem”!

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