Selbstgemachte Kriminelle
Filed Under (Aus der Tagespresse) by Vistin on 12-08-2010
Tagged Under : Film, Raubkopie, Tauschbörsen, Urheberrecht
Oh mein Gott! Uns ist mal wieder aufgefallen, dass das Internet zur illegalen Verbreitung urheberrechtlich geschützter Inhalte benutzt wird!
Manchmal fragt man sich, wie naiv manche Menschen wirklich sind! Und vor allem wie dumm! Natürlich ist es illegal, einen Film, Musik oder Bücher aus dem Internet zu laden, ohne dafür zu bezahlen! Das liegt doch auf der Hand! Da ist es egal, ob das über Tauschbörse, One-Click-Hoster oder Stream-Server passiert.
Und das Gros der Nutzer dieser Dienste ist nicht halb so naiv wie gewisse Medien. Jedem Besucher eines Tauschforums ist klar, dass er sich nicht mehr am Rand, sondern jenseits der Legalität bewegt, spätestens die nervtötenden Anti-Raubkopierer-Werbespots – die sich faszinierenderweise nicht an die Raubkopierer, sondern an die Nutzer richten, die mit dem Kauf der Original-DVD, die diese Werbung enthält (weil die Macher doch nicht wirklich glauben, dass dieser Mist in der HD-Raubkopie noch enthalten ist) ja eigentlich bewiesen haben, dass sie sich an die Regeln halten – haben jeden Deppen gelehrt: Raupkopien sind schlimmer als kleine Jungen zu … ehh, ‘schuldigung, vielleicht etwas übertrieben. Wobei Moment! Wie komme ich auf diesen Vergleich?
Das allwissende Orakel beantwortet die Frage:
Suchbegriff: Raubkopie Haftstrafe
erster Treffer: RAUBKOPIERER SIND VERBRECHER
Suchbegriff: Missbrauch Haftstrafe
erster Treffer: Sexueller Missbrauch: Haftstrafe für Heilpädagogen
Na? Aufgefallen? Genau! Jemandem der zu privaten Zwecken Raubkopien anfertigt, also keinerlei Gewinn davon erwirtschaftet droht die selbe Haftstrafe, wie einem Mann der sich mehrfach an zwei Kindern vergangen hat.
Und jetzt fragen wir uns einmal, was dieser Gesellschaft mehr Wert ist: Unser geistiges Eigentum oder unsere Kinder. Die Antwort ist einfach: Unser geistiges Eigentum – davon haben wir einfach VIEL zu wenig.
Aber zurück zum Thema: Da gibt es also Leute, die für die neueste Meisterleistung eines Regisseurs, eines Autors oder eines Musikers nicht bezahlen wollen. Was bedeutet das? Nehmen wir das Beispiel Film – ich spekuliere mal:
1. Es handelt sich um Leute, die es sich nicht erlauben können, den Lohn für zwei bis vier Arbeitsstunden in eine überteuerte Kinokarte zu investieren, um auf unbequemen Sesseln überteuertes Popkorn mampfend und verwässerte Cola trinkend auf den Hinterkopf ihres Vordermanns zu starren, während sich auf der Leinwand Russel Crowe darum bemüht, mit nur einem Gesichtsausdruck eine Charakterrolle zu bestreiten. Im Kino gibt es keine Geld-zurück-Garantie, noch nicht einmal, wenn man mitten im Film gehen muss, weil der Streifen hartnäckig versucht, einem den Magen umzudrehen.
2. Es handelt sich um Leute, die ihren Rechner aus Platz, Bequemlichkeit, was auch immer, als Multimediagerät nutzen. Das ist vollkommen legal, keiner kann mich zwingen, einen externen DVD-Player zu besitzen, ich habe für den Brenner in meinem Rechner sogar GEMA-Gebühren bezahlt, obwohl das Teil noch nie eine Musik-CD gesehen hat. Wer diese Entscheidung trifft, wagt sich nicht mehr an das DVD-Regal. Denn die 16 bis 30 Euro teuren Silberlinge sind zum großen Teil so schlecht bespielt, dass auch das beste Wiedergabeprogramm in die Knie geht. Untertitel können nicht abgestellt oder nicht eingeschaltet werden, Menüs können nicht angewählt werden, oder erscheinen gar nicht, weil da irgendwelche schlecht eingebundene Animationen drin stecken, die vielleicht hübsch wären und einen Mehrwert darstellen würden: Wenn sie funktionieren würden! Muss ich jetzt auch noch über den ach so heiligen Kopierschutz sprechen, der die Wiedergabe gewisser Medien auf Rechnern vollständig verhindert? Doch muss ich, weil das zu einem schon erwähnten Punkt führt: Hat schon mal jemand versucht, eine legal erworbene DVD, die aus der Folie entnommen wurde, zurück zu geben, mit der Erklärung, ich kann sie nicht abspielen? Oder haben sie den Blick eines Verkäufers vor Augen, den sie danach fragen, ob und wie eine DVD kopiergeschützt ist? Das sind Erlebnisse, die kann man noch den Urenkeln – die DVDs und ähnliche Medien hoffentlich nicht mehr kennen – erzählen. Meistens sind die dummen Dinger eh vom Umtausch ausgeschlossen, und mit der Argumentation: Der Film war einfach nur scheiße, den will ich nicht besitzen!, kann man der Filmindustrie sowieso nicht kommen.
3. Es handelt sich um Leute, die eine Kunstform wirklich lieben. Leidenschaftliche Menschen, die in Filmen und Musik aufgehen, die Bücher wie ihr täglich Brot brauchen und verbrauchen. Menschen mit langweiligen, tristen und zum Teil schrecklichen Schicksalen, die in der Kunst Trost, Zerstreuung und Lebenswillen suchen und finden. Menschen, die jeden Pfennig, den sie entbehren können, in ihre Leidenschaft stecken, Menschen die freudestrahlend den Postboten mit dem Amazon-Päckchen erwarten, die Buchhandlungen wie auf Wolken schwebend betreten, die mit leuchtenden Augen zwischen CD- und DVD-Regalen stehen, die um Mitternacht ins Kino gehen, um die Preview zu sehen. Es sind die Menschen, die für ihre Leidenschaft alles geben würden, die nur nicht sehr viel haben, weil sie Studenten oder Schüler sind, weil sie miese Jobs haben, weil sie sich das, womit sich andere Luxusvillen in der Schweiz finanzieren, nicht leisten können. Es sind die Fans derjenigen Künstler, deren Manager, Plattenfirmen und Verleiher die “Raupkopierer sind Verbrecher”-Kampagne mit so viel Geld vollpumpen, dass man damit Preiserhöhungen der Medien rechtfertigen könnte!
Und damit sind wir bei der wichtigsten Frage angelangt: Wie verhindert man Raubkopien?
Ganz einfach, man erinnert sich daran, dass Filme, Musik und Literatur Kunst sind und man ein Recht darauf hat. Dienstleistungen wie LoveFilm.de verhindern Raubkopien besser als nervende Werbespots! Wieso müssen sich auch digitale Versionen von Büchern an die Buchpreisbindung des Hardcovers halten? Wieso gibt es so wenige Angebote für legalen Download von Serien, Filmen und Musik? Und wieso muss so viel Geld in Kopierschutz investiert werden, wenn das Geld einfach für alternative Angebote genutzt werden könnte?
Der Mensch möchte nicht kriminell sein, aber bevor er verhungert, wird er Brot stehlen. Mit dem geistigen Hunger ist es genauso, wieso muss Kunst ein Luxusgut sein? Machen wir eine Beispielrechnung:
Man nehme einen Film und vergesse jetzt einmal das Kino, was eine Sache für sich ist.
Lagaler Stream: 2 Euro – Einmaliges sehen eines Films über eine gut sortierte Videothek.
Legaler Download: 4 Euro – Eine avi-Datei, Stereo-Sound, Kein HD, nur eine Tonspur, keine Untertitel
Legaler Download: 6 Euro – Eine avi-Datei, Strereo-Sound, Kein HD, mehrere Tonspuren und Untertitel
Legaler Download: 8 Euro – iso-Datei (oder was auch immer, Hauptsache kein Kopierschutz-Mist), 5.x Sound, HD, all inc.
Nur Film DVD: 10 Euro – DVD auf dieser etwas Werbung und Film, Hülle mit Cover
DVD mit Bonus: 12 Euro – DVD mit etwas Werbung, Film, Extras, Hülle und Cover
DVD Director’s Cut: 14 Euro – DVD mit Film im Director’s Cut, Extras, Hülle und Cover
DVD Liebhaber: 16 Euro – DVD mit Film im Director’s Cut, Extras, Hülle, Cover, Beiheft mit Infos
Wenn man diese Auswahl hätte und das ganz legal, ohne Einschränkungen in der benötigten Soft- oder Hardware, wer würde sich dann noch durch unübersichtliche Foren und Rapidshare-Links wuseln, um dann doch bei einem falsch getagten Softporno zu landen?
Die Medienindustrie hat sich die Kriminellen selbst gemacht, sie kann sie auch wieder verschwinden lassen, wenn sie umdenkt und sich erinnert, dass sie gegen ihre eigenen Kunden kämpft.

Richtig erkannt, richtig gemeint. Das manche Firmen schon umdenken, zeigt ja lovefilm.de – alles andere dauert halt. Den die Leute, die eben noch verzweifelt an alten Verkaufsmodellen festhalten und das Böse im Menschen sieht, die können leider nicht “mal” eben aus der Firma entfernt werden, um Moderners Denken durchzusetzen. Es wird also noch einige Jahre Dauern bis der Prozess, “Richtung” Internet, vollständig durchzogen wird. Solange halt, werden wir weiterhin mit lustigen Sachen wie GVU löscht CC Freie Filme vom Netz (http://www.lawblog.de/index.php/archives/2010/08/12/losch-firma-gibt-unterlassungserklarung-ab/ ) “unterhalten”.
Hm, einiges stimmt so nicht.
Erst mal der Vergleich zwischen der konkreten Haftstrafe für sexuellen Missbrauch in einem bestimmten Fall und der gesetzlich vorgesehenen Höchststrafe für nicht gewerbsmäßige illegale Verwertung von urheberrechtlich geschützten Werken. Man zeige mir doch bitte erst mal jemanden, der a) zu diesen drei Jahren wegen dieses Delikts verurteilt wurde und der b) nicht tausende Filme und Lieder dauerhaft per Torrent verteilt hat, bevor man solche Vergleiche anbringt. Sonst sind es wirklich Äpfel und Birnen.
Die Einteilung der Leute, die illegale Kopien anfertigen, ist mir zu optimistisch. Oh, es sind arme Leute, die sonst von Kulturprodukten ausgeschlossen wären. Oder es sind Leute, die technikaffin sind und aus qualitativen Gründen auf Raubkopien umsteigen. Oder es sind echte Kulturfans, die ansonsten ja alles Geld für ihr Medium ausgeben.
Bullshit. Der Großteil der Leute wird kopieren, weil er es geil findet, so etwas umsonst kriegen zu können. Können wir endlich mal aufhören, uns die Leute schön zu denken, nur weil uns die ganzen Gängelungen und Wahnvorstellungen der Musik-, Spiele- und Filmindustrie auf den Sack gehen? Der Prozentsatz der Raubkopierer, die als Grund Geldmangel angeben und dann z.B. bei Erscheinen einer 5-Euro-DVD eines von ihnen vorher raubkopierten und gemochten Films die Brieftasche zücken, ist garantiert extrem klein. Und zur Zeit des Klingeltonbooms hatte ich genug Begegnungen mit Kiddies, die jeden Monat 60 Euro in Jamba-Abos gesteckt hatten, aber sich ansonsten keine Musik oder Filme legal besorgten. Nicht weil sie kein Geld gehabt hätten, nicht weil sie Angst hatten, dass es sich nicht lohnt, nicht weil sie besonders medieninteressiert waren. Nein, einfach weil sie da kostenlose Quellen kannten.
Und zur Buchpreisbindung bei Ebooks: Da gilt natürlich nicht der Buchpreis der Hardcoverausgabe, sondern der Preis, der für das Ebook festgelegt wurde.
1. Mir geht es in dem Vergleich nicht um tatsächliche Strafverfolgung, weil die durch das noch auf allen Seiten unsicheres Terrain bei Raubkopierern extrem komplex ist, mir geht es um die durch Medien suggerierte Fallschwere. Wie bewertet man ein solches reales Urteil, wenn einem auf jeder DVD und vor jedem zweiten Kinofilm eingeschärft wird, dass das runterladen eines Films einen bereits für drei Jahre hinter Gittern bringen kann? Hier wurde einem Wirtschaftszweig juristische Macht gegeben geradezu nicht beweisbare Einnahmeschäden mit Freiheitsstrafen zu belegen, was dem Problem in keinster Weise gerecht wird, weil es sich um einen Wirtschafts- und Medienwandel handelt und keine vorsätzliche Straftat vor der die Bevölkerung geschützt werden sollte.
2. Ich gehöre zu allen drei Gruppen und ich bin mit diesen Problemen nicht allein, es ist die Seite die ich kenne. In meinem DVD Regal befinden sich X DVDs die ich nur besitze um meine runtergeladene Kopie zu rechtfertigen, die ich brauchte um den Film wirklich zu sehen. Die von dir beschriebene ich-kanns-also-tue-ich-es Einstellung ist ein Jugendphänomen das sich aber durchaus aus den von mir beschriebenen Problemen entwickelt hat. Kinder aus sozial schwächeren Umfeldern werden nicht mit Kinobesuchen, DVD, CD und Buchkäufen und entsprechenden Sammlungen sozialisiert, hinzu kommt die ganz allgemeine Hilflosigkeit in der Medienerziehung von Kindern und Jugendlichen. Außerdem ist deine Argumentation was die Zahlungsbereitschaft angeht sehr brüchig: Welche 5-Euro DVD Reihen hat es den je gegeben? Ich glaube kaum, dass du jemanden heute mit den Klassikern von Bild oder Spiegel reizen kannst, da war die Buchserie deutlich erfolgreicher, da war die Auswahl auch mächtig besser. Oder meist du die 10 Jahre alten Filme die sich auf den Grabbeltischen tummeln? Auch deine 60 Euro Argumentation bei Jamba hält nicht, denn diese Leute gaben nicht 60 Euro für EINEN Klingelton aus, sondern für 600, wer sagt, dass der Download von 2 Euro Streams aufs Handy nicht genauso einschlagen würde? Leider fehlt das Angebot das zu beweisen.
3. Hier irrst du dich gewaltig! Es gibt bislang keinen Verlag in Deutschland der separate Preise für ebooks anbietet. Die Argumentation ist bislang, dass das ebook den exakt selben Text also die exakt selbe Dienstleistung liefert, wie das gedruckte Buch und daher der selben Buchpreisbindung unterliegt. Wenn du Glück hast, haben sich einzelne Verlage dazu durchgerungen und bieten das epub in der Preisklasse Paperback (Taschenbuch) an.
[...] Seit gestern ist nun ein Projekt online, durch das eben dieses kriminelle Pack von Dieben und Gaunern vor der Filmindustrie auf die Knie fällt und bittet: “Don’t make me steal” (Zwing mich nicht zu stehlen) [...]
[...] Raubkopierer ein von der Filmindustire ausgelöstes Problem sind. Vergleiche hierzu den Artikel: Gedanken zur Apokalypse: Selbstgemachte Kriminelle. Jetzt gibt es ein Projekt, das genau in diese Kerbe schlägt: Don’t Make Me [...]