“Der Code der Götter” von William Dietrich
Filed Under (Leseratte) by Vistin on 10-06-2011
Vor Weihnachten verbrachte ich mehrere Stunde auf der Suche nach historischen Romanen, die nicht das Schicksal einer starken Frau im Mittelalter beschreiben, die ihren Weg macht und die große Liebe findet, und stellte fest, dass das gar nicht so einfach ist.
Meine Funde waren dann auch recht mager und bescheiden. Einer davon war noch nicht einmal wirklich historisch, aber der Ansatz reizte mich. “Der Code der Götter” von William Dietrich spielt 1801 im noch recht unerforschten Westen der USA und erzählt die Suche des Elektrizitätspioniers Ethan Gage und des Norwegers Magnus Blodhammer nach Thors legendärem Hammer, den Templer im 13. Jhr. in die Neue Welt gebracht haben sollen.
Die Geschichte ist simpel, immer wieder unterbrochen durch Ethans Erinnerungen an seine Abenteuer aus Dietrichs vorangegangenen Werken, die sich aber gut einfügten und trotz gewisser Unvollständigkeit unterhalten und den linearen, leicht paranoiden Verlauf der aktuellen Handlung auflockern. Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive von Ethan Gage, einem Abenteurer und Schürzenjäger. Der Stil ist locker und flüssig, mit netten sarkastischen und selbstironischen Sprüchen gespickt. Was über die flache Handlung hinwegtröstet und gut unterhält.
Sehr spannend ist die völlig unwesternhafte Darstellung des Westens der USA, das noch weitgehend unerforschte Land wird als Ansammlung von Briten, Franzosen und mehr oder minder degenerierten Indianern dargestellt und nicht als etwas US-Amerikanisches, in dem man nach Träumen, Freiheit oder Ruhm sucht. Ethan Gage und seine Gefährten ziehen nicht in Planwagen nach Westen, sondern in Kanus und sie werden nicht von biederen Siedlern begleitet, sondern von moralisch fraglichen Händlern, Geschäftsleuten und Adeligen. Zum Helden wird der spielsüchtige Ethan auch eher durch Zufall und Glück, was ihm aber vollkommen bewusst ist und den Charakter so unendlich charmant macht.
Nach einem Reisebericht, der die beiden Hauptfiguren von Frankreich in den tiefen Westen führt und aus zig aneinander gereihten, unterhaltsamen Handlungsszenen besteht, erreicht die um zwei Indianerinnen und einen Franzosen angereicherte Truppe ihr Ziel: einen riesigen, elektrizitätbetriebenen Baum. Das Finale ist fulminant, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich und aussagekräftig, der Leser bekommt keine richtigen Antworten, aber eigentlich sind diese auch egal, weil man die mit Geheimorganisationen und Verschwörungen gespickte Hintergrundhandlung eh nie richtig ernst genommen hat.
Das Buch basiert einzig und allein auf einem Charakter, Ethan Gage, seiner Sicht der Dinge und seinem subjektiven Erleben der Ereignisse und wie Ethan meistens selbst nicht weiß, wie er in die aktuelle Situation geraten ist, so ist es dem Leser auch egal. Schwerwiegende logische Fehler in der Handlung oder den Beschreibungen gibt es nicht, alles ist verständlich und klar und man kann sich von der Geschichte ruhig treiben lassen ohne nach einem tieferen Leseempfinden zu suchen. Der Roman lässt sich locker in einer Woche herunterlesen und das einzige, was längerfristig von ihm bleibt ist die Erinnerung einige Tage lang gut unterhalten worden zu sein.
Für die Geschichte gibt es daher drei von fünf Punkten. Trivialliteratur, die nicht leugnet welche zu sein, aber den Anspruch hat, das Handwerk des Erzählens zu beherrschen.
Weltbild bekommt für die Auflage jedoch eine glatte 6! Der deutsche Text ist nur mangelhaft lektoriert und enthält unzählige Vertipper. Außerdem beginnen die Kapitel mal mit einer Initiale mal wieder nicht. Dass Weltbild nicht gerade Weltliteratur verlegt, ist ja klar, aber was sich Verlag schimpft, sollte zumindest die Grundfunktionen eines solchen übernehmen!
