Das Twitter-Buch
Filed Under (Aus dem Alltag gegriffen, Leseratte) by Vistin on 04-05-2011
Tagged Under : Buchkritik, Erfahrungsbericht, Twitter
Manchmal fühle ich mich echt alt. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als ich zu den Leuten gehört habe, die über die neuste Technik bescheid wussten und die Rechner und Internetseiten selbst gebaut haben. Heute verzweifle ich, wenn ich den günstigsten Arbeitsspeicher auswählen soll und mein Blick wird ganz undeutlich, wenn Leute von mir verlangen mich bei Facebook anzumelden. Was mich jedoch besonders verfolgt ist Twitter, jetzt verlangen schon Geschäftspartner, dass ich twittern soll, dabei ist für mich das öffentliche versenden von 140-Zeichen Schnippseln per Internetseite eher ein technischer Rückschritt als Fortschrit ich gehörte immerhin zu den Leuten die 2002 gejubelt haben, als man endlich nicht mehr darauf achten musste welchen Variablentyp man für Eingabefelder auswählte, weil die Preise für Webspeicherplatz in den Keller gingen und jetzt soll ich wieder Abkürzen?
Ja, mir ist es auch aufgefallen. Das klingt wie das Gejammer alter Leute, die zu eingerostet oder faul sind um mit der Zeit zu gehen, also bin ich zu Twitter um mir das ganze mal anzuschauen: Ich war kurz davor mir Stricknadeln und einen Schaukelstuhl zu besorgen. So als Dummy versteht man da kein Wort, man findet nichts und … von wegen “Following”, folgen kann ich da niemandem und nichts!
Jetzt sitze ich mit diesem kleinen Werk vor dem Rechner und versuche es noch einmal:
Broschiert: 280 Seiten
Verlag: O’Reilly; Auflage: 1 (28. August 2009)
ISBN-10: 3897219425
ISBN-13: 978-3897219427
Es ist zwar die alte Auflage, aber ich war nicht bereit Geld dafür auszugeben und unsere Stadtbücherei verfügt nur über SEHR wenige Bücher zu aktuellen, technischen Themen.
Das Buch liest sich sehr schnell, es funktioniert ja auch nach einem Bilderbuchprinzip, links gibt es eine schlichte, markante Abbildung und rechts etwas erklärenden Text in großer, serifenloser Schrift. Da kann man sich schon irgendwie doof vorkommen, vor allem wenn man eingestehen muss auf die Infos dieses Buches angewiesen zu sein. Das Buch ist für Idioten geschrieben und damit fiel ich zu 100% in die angesprochene Leserschaft. Man sollte mich hier nicht falsch verstehen, das Buch ist nicht schlecht oder dumm, es geht wirklich mit der Einstellung ins Feld, dass der Leser mit Rechnern umgehen kann, nur mit Twitter nicht zurecht kommt, so werden Techniken und Begriffe wie URL oder RSS, einfach erwähnt ohne erklärt zu werden. Trotzdem kratzt es am Stolz, wenn man sich erklären lassen muss, das ein “Retweet” die moderne, coole und angesehene Form einer Weiterleitung ist.
Der Satz der für mich am besten zutraf fand sich übrigens auf Seite 55: Wenn Sie partout nicht verstehen, was der ganze Wirbel soll, [...] Ja, das Buch liegt auf meiner Wellenlänge, auch wenn mein Stolz mit jeder Seite mehr blauer Flecke bekommt.
An dieser Stelle ein kleiner Einwurf an die wenigen Twitterer die mir heute bei meinem Einstieg zugesehen haben: An der Geschwindigkeit meiner Änderungen im Profil, Tweet-Einträgen und co, könnt ihr meine Lesegeschwindigkeit und Tippgeschwindigkeit ableiten, denn während ich Lese versuche ich Twitter zu nutzen und schreibe diesen Blogeintrag
[Stunden später]
Es ist wirklich faszinierend, im Grunde ist Twitter ein neu erfundenes Rad. Die Funktionen sind minimalistisch und sipel, während ihre Anwendung und Nutzung eine gewisse Komplexität entwickelt die wohl nur mit Anwendung und Übung überwunden werden kann. Ein ganz merkwürdiges Anwendergefühl. Folgen kann ich immer noch nicht, den englischsprachigen “Fachbeiträgen” sowieso nicht, ich versuche es mal mit ein paar deutschsprachigen Leuten und dem Rat ein paar Wochen lang täglich mitzulesen. Momentan sehne ich mich nach Betreff-Zeilen, Baumstrukturen und Paginierungen. Ein gigantische HÄ? hängt über meinem Kopf und ich schaffe es nicht mich von dem Versuch zu lösen den “ursprünglichen Gedanken” zu suchen. Und irgendwie vermittelt mir meine aktuelle Handlektüre das Gefühl, dass ich mit der Überflut von Input, das kaum dieses Names wert ist, nicht allein bin, auf jeder dritten Seite werde ich mit URLs zu Diensten versorgt, die helfen sollen das Tweet Chaos zu ordnen. Ich bin mir noch nicht sicher ob ich das beruhigend, beängstigend oder bescheuert finden soll.
So, halbzeit, Seite 130 und meine Linkliste an Zusatzdiensten enthält 15 Links. Das ist eigentlich ein geniales Beispiel für das “OpenSource-Prinzip” mal anders, eine Idee schart eine Community um sich und während man sich auf die Grundfunktion konzentriert bauen andere Leute die PlugIns ein.
“Kapitel 4 – Informationen und Ideen weitergeben” war spannend. So langsam erschließt sich mir ein Muster hinter dem Chaos. – 121 Zeichen, könnte man glatt twittern.
Inzwischen merke ich, wie die intensive Beschäftigung mit diesem seltsamen System namens Twitter sich auf meinen Schreibstil auswirkt, meine Gedanken teilen sich immer mehr in kleinere Bruchstücke und ich bilde mir ein mit 140 Zeichen etwas aussagen zu können. Zwar waren meine ersten Versuche jetzt nicht gerade geistreich, aber ich erkenne einen Unterhaltungs- und Informationswert hinter den kontextlosen Schnippseln.
Das ist wohl auch die didaktische Idee hinter diesem bilderbuchartigen Werk, wenn man über etwas sprechen will, was auf kurzen spontanen Ideen basiert, kann man keine langen und elaborierten Erklärungen liefern, man muss den Gedanken der Kürze vermitteln und dem hilflosen Leser zeigen, dass Gedanken, Ideen und Informationen verständlich sein können, auch wenn sie nicht ausführlich sind. Für das vollständige Lesen des Buches habe ich gerade einmal 6 Stunden gebraucht und dabei auch noch diesen Artikel und ein paar Tweets geschrieben und gelesen. Meine aus dem Buch gezogenen Notizen für später umfassen gerade einmal eine locker beschriebene A4 Seite und bestehen hauptsächlich aus Links die ich mir später genauer ansehen möchte. Ein Twitterprofi bin ich immer noch nicht, aber ich habe das Konzept begriffen und glaube es nutzen zu können, das HÄ? ist immer noch da, aber nicht mehr blinkend und rotierend, mehr kann man von einem Buch über eine unendlich dynamische und gigantische Community und Technik nicht erwarten, im Gegenteil, es war genau das, was ich mir erhofft habe, also auf auf, mal sehen ob aus einem miesen Blogger ein grottiger Twitterer werden kann.

