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Juli Zeh – Spieltrieb

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Category : Gelesen

Ein Buch, das intelligenten Menschen verklickern möchte sie seien dumm und dabei selbst dümmer nicht sein könnte.

Auf den ersten Blick liest sich Spieltrieb sehr flüssig und wirkt anregend, mit den ausgefallenen Bildern und sprachlichen wie literarischen Figuren. Das diese meistens schief, unangemessen, übertrieben oder einfach nur falsch und unangebracht sind fällt erst auf, wenn man den Mut fasst, sich dem Gewicht des gedruckten und mit ISBN versehenen Wortes zu widersetzen.

Ich schlage an einer beliebigen Seite auf:

“An der langen Seite des Raumes stand eine Phalanx leerer Bierflaschen in Reih und Glied wie braune Glassoldaten.” Zuerst eine Metapher mit der Phalanx, ist ja noch schön und gut, und weil der Leeser doof ist ergänzt man das sie in Rhei und Glied standen – ein geflügeltes Wort – Schon mal eine Phalanx erlebt die kreuz und quer steht? Aber nein, wir haben diesen Satz noch nicht genug überladen nun kommt auch noch ein Vergleich der genau in die selbe Kerbe schlägt: Wie braune Glassoldaten. Das ist doch der Höhepunkt literarischer Redundanz, man beschreibe ein unwichtiges Detail in umständlichen literarischen Figuren.

Gleich auf der gegenüberliegenden Steite wirft eine Lampe einen vollmondförmigen Schein auf eine Wand – vollmondförmig, also rund, aber nein, rund ist ja viel zu schlicht für ein Buch in dem sich Dinge in die Höhe drechseln können.

Den Höhepunkt dieses nur drei Seiten langen Ausschnitts bildet aber der Satz: “Der Mond steckte im Himmel fest wie ein Stück Falschgeld im Zigarettenautomaten, oxidierte in Minutenschnelle und war plötzlich verschwunden, heruntergebröselt oder doch noch vom Nachthimmel geschluckt.”

Ja, über diesen Satz kann man Minutenlang nachdenken, nur dass da keinerlei Katharsis folgt, weder eine intellektuelle durch das Begreifen, noch eine seelische durch künstlerisches Empfinden. Dieser Satz ist einfach nur Nonsens und dabei noch nicht mal ästhetisch.

Dieser Stil ist keineswegs innovativ, wie z.B. die verquere Sprache vom Herr Lehmann Autor Sven Regner, sondern ein wahlloses Potpourri von sprachlichen Mitteln, deren Verwendung keinem Muster und keiner Absicht folgt, gewürzt wird das ganze mit einer verklemmten Vulgarität, die Sex und Sexualität zwar zum Thema haben will, sich aber nicht traut dies offen zu sagen und einer pseudophilosophischen Seelenqual unrealistischer Figuren, Garniert mit einem Namedropping aus Literatur und Weltgeschehen.

Das man sich als Leser dieser Sprache gegenüber verunsichert fühlt, liegt auch nicht an irgendeiner Raffinesse, sondern einzig und allein an dem zu häufig und zu markiert bis falsch verwendetem Konjunktiv und den unsicher gesetzten Präpositionen. Vielleicht hängt die unkonventionelle Grammatik mit dem juristischen Hintergrund der Autorin zusammen, oder vielleicht bin ich auch einfach zu sehr davon überzeugt, dass sich Schriftsprache an die Regeln der Hochsprache halten sollte und erkenne daher die jugendnahe Qualität des Stils nicht. Auf jeden Fall wurde das Buch anstrengend, nachdem man das System erkannte und nicht mehr unbewusst über die entsprechenden Stellen hinweglesen konnte.

Nun zum Inhalt der genauso wenig überzeugte. “Sex sells” heißt es ja, nur sollte man auch etwas zum verkaufen haben. Spieltrieb provoziert mit Extrema ohne besonderen Charme. Allein schon die Namensauswahl ist verdächtig: Die Geschichte spielt 2002 in der Gruppe der 14 bis 18 jährigen, doch Frau Zeh versucht uns Namen wie Ada, Alev, Lola und Grit zu verkaufen, gerade einmal mit Johanna kommen wir in die Top 50 der Geburtsjahre 1986 bis 1990. Es soll ja eben etwas besonderes sein! So wirken dann auch die Hauptfiguren und die gesamte Handlung.

Der Roman ist unheimlich konstruiert, bereits in den ersten Kapiteln entsteht das Gefühl, dass da etwas Großes aufgebaut werden soll, nur dass man beim besten Willen nicht erkennen kann, was da so groß sein soll. Nach vierzig Seiten und mehreren Ausflügen in die extremen Vergangenheiten, extremer Charaktere mit extremen Schicksalen und ohne einen roten Faden, an dem man sich festhalten könnte, ist der erste Punkt erreicht an dem man das Buch weglegen möchte um sich relevanter Literatur zuzuwenden.

Die einzelnen Szenen sind unrealistisch und wirken fehl am Platz, enthalten zu extreme Elemente, die ein zu verzerrtes und unglaubwürdiges Bild ergeben und das obwohl der Grundton ständig die Alltäglichkeit und Normalität betont. Vor allem aber fehlt das Gerüst, das all den Ballast aus Moral, Sozialkritik, Meinung und sprachlicher Bemühung tragen könnte. Da ist nichts, dem das Buch entgegen zu streben schiene, trotz der zum Teil haarsträubenden Ereignisse fehlt der Fortschritt, der in irgendeiner Weise Neugier auf die nächste Seite oder gar Spannung aufbauen könnte. Das Buch dümpelt auf einer künstlich aufgebauten, extremen Welle in einem völlig windstillen Meer vor sich hin. Die einzelnen Szenen sind mit extra dafür montierten Hacken aneinander gehängt, um so etwas wie Zusammengehörigkeit zu simulieren und in all dem stecken hunderte von Pfeilen die den Leser auf die tiefere Bedeutung hinter den Dingen hinweisen sollen, doch in Wirklichkeit nur in die Leere zeigen.

Hinter der Hauptfigur “Ada” steht keine tiefere oder anspruchsvolle Philosophie, sie aggiert in ihrem Umfeld nicht, sie ist nur da, wie ein Prellbock gegen den man Gedanken und Ideen einer Autorinstanz schleudert und glaubt dadurch Bedeutung zu schaffen, weil man beschwört, es würde in einem realen Umfeld geschehen. Ein Beispiel für die Unzusammengehörigkeit der einzelnen Handlungselemente ist die relativ weit am Anfang geschilderte Auseinandersetzung zwischen Johanna und Ada. Die zwei Figuren werden als völlige Gegensätze dargestellt die miteinander nichts zutun haben und auch nichts zutun haben wollen. Ada, die Dummheit hasst, hält Johanna für etwas ähnliches wie eine Amöbe, trotzdem befindet sie sich selbst in den Pausen in ihrer Nähe, hört ihren Gesprächen genau genug zu, um etwas zu erwidern und erwidert auch tatsächlich etwas, sie geht sogar auf Johannas Äußerungen im Unterricht ein, nur um sich eine viel zu übertriebene und abstruse Racheaktion einzufangen, über die sie dann überlegen hinweggehen kann, jedoch erst, nachdem sie sich bei einem geradezu Wildfremden ausgeheult hat – Immerhin braucht man ja einen Aufhänger für die nächste Szene.

Spieltrieb ist ein Roman, der seine Leser verunsichern will und dies auch schafft, jedoch nicht durch Essenz, sondern durch Finten. Pseudo kritisch, pseudo literarisch und pseudo philosophisch kommt der Text daher und hofft darauf, dass der Leser nicht selbstsicher genug ist, ihn als das zu entlarven was er in Wirklichkeit ist, nämlich hochgestochene Klugscheißerei.

Fazit: Verschwendetes Papier!

“Der Code der Götter” von William Dietrich

Category : Gelesen

Vor Weihnachten verbrachte ich mehrere Stunde auf der Suche nach historischen Romanen, die nicht das Schicksal einer starken Frau im Mittelalter beschreiben, die ihren Weg macht und die große Liebe findet, und stellte fest, dass das gar nicht so einfach ist.

Meine Funde waren dann auch recht mager und bescheiden. Einer davon war noch nicht einmal wirklich historisch, aber der Ansatz reizte mich. “Der Code der Götter” von William Dietrich spielt 1801 im noch recht unerforschten Westen der USA und erzählt die Suche des Elektrizitätspioniers Ethan Gage und des Norwegers Magnus Blodhammer nach Thors legendärem Hammer, den Templer im 13. Jhr. in die Neue Welt gebracht haben sollen.

Die Geschichte ist simpel, immer wieder unterbrochen durch Ethans Erinnerungen an seine Abenteuer aus Dietrichs vorangegangenen Werken, die sich aber gut einfügten und trotz gewisser Unvollständigkeit unterhalten und den linearen, leicht paranoiden Verlauf der aktuellen Handlung auflockern. Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive von Ethan Gage, einem Abenteurer und Schürzenjäger. Der Stil ist locker und flüssig, mit netten sarkastischen und selbstironischen Sprüchen gespickt. Was über die flache Handlung hinwegtröstet und gut unterhält.

Sehr spannend ist die völlig unwesternhafte Darstellung des Westens der USA, das noch weitgehend unerforschte Land wird als Ansammlung von Briten, Franzosen und mehr oder minder degenerierten Indianern dargestellt und nicht als etwas US-Amerikanisches, in dem man nach Träumen, Freiheit oder Ruhm sucht. Ethan Gage und seine Gefährten ziehen nicht in Planwagen nach Westen, sondern in Kanus und sie werden nicht von biederen Siedlern begleitet, sondern von moralisch fraglichen Händlern, Geschäftsleuten und Adeligen. Zum Helden wird der spielsüchtige Ethan auch eher durch Zufall und Glück, was ihm aber vollkommen bewusst ist und den Charakter so unendlich charmant macht.

Nach einem Reisebericht, der die beiden Hauptfiguren von Frankreich in den tiefen Westen führt und aus zig aneinander gereihten, unterhaltsamen Handlungsszenen besteht, erreicht die um zwei Indianerinnen und einen Franzosen angereicherte Truppe ihr Ziel: einen riesigen, elektrizitätbetriebenen Baum. Das Finale ist fulminant, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich und aussagekräftig, der Leser bekommt keine richtigen Antworten, aber eigentlich sind diese auch egal, weil man die mit Geheimorganisationen und Verschwörungen gespickte Hintergrundhandlung eh nie richtig ernst genommen hat.

Das Buch basiert einzig und allein auf einem Charakter, Ethan Gage, seiner Sicht der Dinge und seinem subjektiven Erleben der Ereignisse und wie Ethan meistens selbst nicht weiß, wie er in die aktuelle Situation geraten ist, so ist es dem Leser auch egal. Schwerwiegende logische Fehler in der Handlung oder den Beschreibungen gibt es nicht, alles ist verständlich und klar und man kann sich von der Geschichte ruhig treiben lassen ohne nach einem tieferen Leseempfinden zu suchen. Der Roman lässt sich locker in einer Woche herunterlesen und das einzige, was längerfristig von ihm bleibt ist die Erinnerung einige Tage lang gut unterhalten worden zu sein.

Für die Geschichte gibt es daher drei von fünf Punkten. Trivialliteratur, die nicht leugnet welche zu sein, aber den Anspruch hat, das Handwerk des Erzählens zu beherrschen.

Weltbild bekommt für die Auflage jedoch eine glatte 6! Der deutsche Text ist nur mangelhaft lektoriert und enthält unzählige Vertipper. Außerdem beginnen die Kapitel mal mit einer Initiale mal wieder nicht. Dass Weltbild nicht gerade Weltliteratur verlegt, ist ja klar, aber was sich Verlag schimpft, sollte zumindest die Grundfunktionen eines solchen übernehmen!

Das Twitter-Buch

Category : Gelesen

Manchmal fühle ich mich echt alt. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als ich zu den Leuten gehört habe, die über die neuste Technik bescheid wussten und die Rechner und Internetseiten selbst gebaut haben. Heute verzweifle ich, wenn ich den günstigsten Arbeitsspeicher auswählen soll und mein Blick wird ganz undeutlich, wenn Leute von mir verlangen mich bei Facebook anzumelden. Was mich jedoch besonders verfolgt ist Twitter, jetzt verlangen schon Geschäftspartner, dass ich twittern soll, dabei ist für mich das öffentliche versenden von 140-Zeichen Schnippseln per Internetseite eher ein technischer Rückschritt als Fortschrit ich gehörte immerhin zu den Leuten die 2002 gejubelt haben, als man endlich nicht mehr darauf achten musste welchen Variablentyp man für Eingabefelder auswählte, weil die Preise für Webspeicherplatz in den Keller gingen und jetzt soll ich wieder Abkürzen?

Ja, mir ist es auch aufgefallen. Das klingt wie das Gejammer alter Leute, die zu eingerostet oder faul sind um mit der Zeit zu gehen, also bin ich zu Twitter um mir das ganze mal anzuschauen: Ich war kurz davor mir Stricknadeln und einen Schaukelstuhl zu besorgen. So als Dummy versteht man da kein Wort, man findet nichts und … von wegen “Following”, folgen kann ich da niemandem und nichts!

Jetzt sitze ich mit diesem kleinen Werk vor dem Rechner und versuche es noch einmal:

Das Twitter-Buch von Tim O’Reilly und Sarah Milstein übersetzt von Jörgen W. Lang

Broschiert: 280 Seiten

Verlag: O’Reilly; Auflage: 1 (28. August 2009)

ISBN-10: 3897219425

ISBN-13: 978-3897219427

Es ist zwar die alte Auflage, aber ich war nicht bereit Geld dafür auszugeben und unsere Stadtbücherei verfügt nur über SEHR wenige Bücher zu aktuellen, technischen Themen.

Das Buch liest sich sehr schnell, es funktioniert ja auch nach einem Bilderbuchprinzip, links gibt es eine schlichte, markante Abbildung und rechts etwas erklärenden Text in großer, serifenloser Schrift. Da kann man sich schon irgendwie doof vorkommen, vor allem wenn man eingestehen muss auf die Infos dieses Buches angewiesen zu sein. Das Buch ist für Idioten geschrieben und damit fiel ich zu 100% in die angesprochene Leserschaft. Man sollte mich hier nicht falsch verstehen, das Buch ist nicht schlecht oder dumm, es geht wirklich mit der Einstellung ins Feld, dass der Leser mit Rechnern umgehen kann, nur mit Twitter nicht zurecht kommt, so werden Techniken und Begriffe wie URL oder RSS, einfach erwähnt ohne erklärt zu werden. Trotzdem kratzt es am Stolz, wenn man sich erklären lassen muss, das ein “Retweet” die moderne, coole und angesehene Form einer Weiterleitung ist.

Der Satz der für mich am besten zutraf fand sich übrigens auf Seite 55: Wenn Sie partout nicht verstehen, was der ganze Wirbel soll, [...] Ja, das Buch liegt auf meiner Wellenlänge, auch wenn mein Stolz mit jeder Seite mehr blauer Flecke bekommt.

An dieser Stelle ein kleiner Einwurf an die wenigen Twitterer die mir heute bei meinem Einstieg zugesehen haben: An der Geschwindigkeit meiner Änderungen im Profil, Tweet-Einträgen und co, könnt ihr meine Lesegeschwindigkeit und Tippgeschwindigkeit ableiten, denn während ich Lese versuche ich Twitter zu nutzen und schreibe diesen Blogeintrag ;-)

[Stunden später]

Es ist wirklich faszinierend, im Grunde ist Twitter ein neu erfundenes Rad. Die Funktionen sind minimalistisch und sipel, während ihre Anwendung und Nutzung eine gewisse Komplexität entwickelt die wohl nur mit Anwendung und Übung überwunden werden kann. Ein ganz merkwürdiges Anwendergefühl. Folgen kann ich immer noch nicht, den englischsprachigen “Fachbeiträgen” sowieso nicht, ich versuche es mal mit ein paar deutschsprachigen Leuten und dem Rat ein paar Wochen lang täglich mitzulesen. Momentan sehne ich mich nach Betreff-Zeilen, Baumstrukturen und Paginierungen. Ein gigantische HÄ? hängt über meinem Kopf und ich schaffe es nicht mich von dem Versuch zu lösen den “ursprünglichen Gedanken” zu suchen. Und irgendwie vermittelt mir meine aktuelle Handlektüre das Gefühl, dass ich mit der Überflut von Input, das kaum dieses Names wert ist, nicht allein bin, auf jeder dritten Seite werde ich mit URLs zu Diensten versorgt, die helfen sollen das Tweet Chaos zu ordnen. Ich bin mir noch nicht sicher ob ich das beruhigend, beängstigend oder bescheuert finden soll.

So, halbzeit, Seite 130 und meine Linkliste an Zusatzdiensten enthält 15 Links. Das ist eigentlich ein geniales Beispiel für das “OpenSource-Prinzip” mal anders, eine Idee schart eine Community um sich und während man sich auf die Grundfunktion konzentriert bauen andere Leute die PlugIns ein.

“Kapitel 4 – Informationen und Ideen weitergeben” war spannend. So langsam erschließt sich mir ein Muster hinter dem Chaos. – 121 Zeichen, könnte man glatt twittern.

Inzwischen merke ich, wie die intensive Beschäftigung mit diesem seltsamen System namens Twitter sich auf meinen Schreibstil auswirkt, meine Gedanken teilen sich immer mehr in kleinere Bruchstücke und ich bilde mir ein mit 140 Zeichen etwas aussagen zu können. Zwar waren meine ersten Versuche jetzt nicht gerade geistreich, aber ich erkenne einen Unterhaltungs- und Informationswert hinter den kontextlosen Schnippseln.

Das ist wohl auch die didaktische Idee hinter diesem bilderbuchartigen Werk, wenn man über etwas sprechen will, was auf kurzen spontanen Ideen basiert, kann man keine langen und elaborierten Erklärungen liefern, man muss den Gedanken der Kürze vermitteln und dem hilflosen Leser zeigen, dass Gedanken, Ideen und Informationen verständlich sein können, auch wenn sie nicht ausführlich sind. Für das vollständige Lesen des Buches habe ich gerade einmal 6 Stunden gebraucht und dabei auch noch diesen Artikel und ein paar Tweets geschrieben und gelesen. Meine aus dem Buch gezogenen Notizen für später umfassen gerade einmal eine locker beschriebene A4 Seite und bestehen hauptsächlich aus Links die ich mir später genauer ansehen möchte. Ein Twitterprofi bin ich immer noch nicht, aber ich habe das Konzept begriffen und glaube es nutzen zu können, das HÄ? ist immer noch da, aber nicht mehr blinkend und rotierend, mehr kann man von einem Buch über eine unendlich dynamische und gigantische Community und Technik nicht erwarten, im Gegenteil, es war genau das, was ich mir erhofft habe, also auf auf, mal sehen ob aus einem miesen Blogger ein grottiger Twitterer werden kann.

Der Name des Windes

Category : Gelesen

Der Name des Windes: Die Königsmörder-Chronik. Erster Tag von Patrick Rothfuss

Das Buch ist nicht schlecht. Das erst einmal vorweg, man kann es locker lesen und Spaß daran haben, aber gut ist anders. Im Grunde teilt sich das Buch in zwei Elemente: gute Details und eine schlechte Basis. Die Details sind manchmal sogar so hervorragend, dass sie über die schwache Grundhandlung hinwegretten, aber sie kommen nicht regelmäßig genug vor, um zu verhindern, dass man alle paar Seiten darauf gestoßen wird, dass es um ein Wunderkind geht, dem nur immer wieder das nötige Kleingeld fehlt, um die Welt zuerobern. Kvothe ist ein Übercharakter – er kann alles, lernt alles, beherrscht alles, was er anfängt und hat den eisernen Willen, auch alles andere zu beherrschen. Sein einziges Problem ist Geldmangel und ein geradezu systematisches Pech. Der erste Teil des Buches ist nett, aber nicht sehr fesselnd: Ein kleiner genialer Junge bekommt von seinen idealen und geliebten Eltern und Freunden alles, was er braucht, um noch genialer zu werden. Der Part wird durch die Sprünge in die Gegenwart des Erzählens aufgelockert. Dann folgt der Schicksalsschlag, der aus dem Übercharakter nun den Helden machen soll: Seine Eltern werden unter unheimlichen Bedingungen ermordet. Die Geschichte lässt sich Zeit, es ist nicht die Katastrophe selbst, die den Helden zum Helden macht. Trauer und Verwirrung werden recht ausführlich, wenn auch nicht sehr kreativ mit einer Flucht in die Wildnis behandelt. Es folgt der leider viel zu kurze Höhepunkt, Kvothes Leben als Straßenkind in einer Großstadt. Diese 100 Seiten sind unglaublich fesselnd und berührend, ohne an Humor einzubüßen. Der sarkastische Unterton des Erzählers, der auf sein zwölfjähriges Ich zurückblickt und sich wundert, wie naiv und dumm er damals gewesen war, ist sehr treffend und erfrischend. Schon hier spielt Geld eine wichtige Rolle, Kvothe hat nämlich keines. Er bettelt und stiehlt, um zu überleben und das, obwohl er eine umfassende musikalische und schauspielerische Ausbildung bei seinen Eltern genossen hatte. Doch sein Leben in der Stadt wird so gut beschrieben, dass die Frage, wieso er seine Fähigkeiten nicht als Gaukler und Musiker einsetzt, keine große Rolle spielt. Dass die Basis eben nicht sehr gut ausgearbeitet ist, zeigt der nächste Umbruch in Kvothes Leben: Wegen einer Geschichte, erzählt von einem fahrenden Sänger, bricht er sein Leben als Straßenkind von heute auf morgen ab und zieht in die Universität. Sein Aufbruch wird keineswegs zu leicht dargestellt, aber doch zu leicht, um glaubwürdig zu sein und wieder fragt man sich, wieso erst jetzt? Von der Universität hatte er doch schon immer geträumt.

Ab hier baut das Buch ab, ja es macht sogar explizite Fehler, gerade wenn es um das Geld geht. Ein Beispiel: Bei Kvothes Ankunft an der Universität werden ihm bei der ersten Zulassungsprüfung -3 Talente Studiengebühren auferlegt, das heißt, die Universität ZAHLT dafür, dass er dort studieren kann. Gleichzeitig wird in einem Gespräch mit Mitstudenten erklärt, dass Gebühren in Höhe von 7,3 Talenten mit dem Schlagen der Prüfer verbunden sein müsse, weil es so horrend viel wäre. Nur sechs Monate später werden Kvothe, der ein unbestrittener Überflieger und Genie ist, sechs Talente berechnet. Der einzige Grund: Ihm wurden kurz vorher sieben Talente geschenkt. Würde er niedrigere Studiengebühren auferlegt bekommen, hätte er Geld und das Hauptproblem der Grundhandlung würde wegfallen. Diese Zwangsinflation zieht sich durch das ganze Buch und ist sowohl nervig wie auch vorhersehbar. Hinzu kommen unmotivierte und kurzfristige Aktionen, die man nur mit einem “ah, ok, ist gut, wenn der Autor das sagt” quittieren kann. Dadurch fehlt vielen Charakteren die entsprechende tiefe und schlüssige Motivation.
Was jedoch hervorragend ist, sind die kleinen Spitzen, wie der Verweis auf ein Land, in dem immer wieder ein Doktor auftaucht, und dies ein Hinweis auf Katastrophen wäre. Oder Brüche in der Idealisierung, wenn jemand in die Beschreibung der angeblich schönsten Frau der Welt einwirft, dass sie eine etwas krumme Nase hätte. Eine größere Spitze sind wunderschöne Charaktere, die jedoch viel zu sehr am Rande stehen, so zum Beispiel einige der Lehrer an der Universität, die Kvothe auffordern, vom Dach zu springen, wenn er unterrichtet werden wolle, und als er dies tut, meinen, man könne einen so leichtsinnigen Menschen, der einfach so von einem Dach springt, nicht als Schüler aufnehmen, das wäre zu gefährlich.
Als Fazit: Leider zu flache Grundhandlung und ein nicht ausreichend ausgebauter Protagonist, aber locker und unterhaltsam geschrieben, sehr empfehlenswert für Zwischendurch und für Leser, die nicht hinterfragen, sondern sich nur treiben lassen wollen.