Filed Under (Wort und Sprache) by Vistin on 23-05-2010
Die automatische Rechtschreibprüfung von Open Office kennt das Wort “erschaudern” nicht und schlägt daher “erschauern” vor. Von der Lexik her verständlich, aber noch lange kein Grund an der Existenz des Wortes “erschaudern” zu zweifeln. Die Wortähnlichkeit macht aber stutzig und fordert zum Griff ins Regal auf. Und tatsächlich schau einer an, der große Wahrig ist schlauer, beide Wörter fast direkt hintereinander. Und da ist auch der feine Unterschied!
Beide Wörter werden auf ähnliche Art verwendet und sind sich in der Bedeutung nahe. Es wäre zu untersuchen ob die auch etymologisch verwandt sind, oder da unterschiedliche Herleitungen haben. Für die semantische Nutzung ist erst einmal nur wichtig, dass sie unterschiedlich starke Wirkungen ausdrücken.
“erschauern” beschreibt einen schwächeren unbewussten Effekt. Man kann vor Kälte erschauern, bei einem Gedanken oder durch eine Bemerkung. Es ist ein erstes, unbewusstes und zum Teil noch unbegründetes Gefühl, das uns zwar trift, aber nicht sehr tief geht.
Wenn man “erschaudert” ist bereits Angst im Spiel. Man erschaudert vor Grauen oder Schrecken. Es ist keine Täuschung mehr möglich, wer erschaudert ist dem Gefühl der Angst bereits verfallen, er kann sich nicht mehr lachend abwenden.
Kleine Eselsbrücke: Der Schauer, ist noch kein Regen, aber der Schauder ist bereits Angst
Filed Under (Wort des Monats) by indigo on 16-06-2009
Wie schön wäre es, wenn dieses Wort das wäre, wonach es sich anhört.
Es ist allerdings weder ein Tölpel, dessen Ungeschicklichkeit nach einer Woche vorbei ist, noch ein seltsamer Vogel, der in der Woche, die er zum Fliegenlernen braucht, unterhaltsam herumstolpert.
„Wochentölpel“, oder auch „Wochendippel“, war bis ins 19. Jahrhundert eine ziemlich gehässige Bezeichnung für „Mumps“, da diese Krankheit etwa eine Woche andauerte und die Kranken mit ihren geschwollenen Hälsen solange wie Idioten aussahen. Nett, nicht wahr? Früher war eben doch nicht alles besser.
Filed Under (Wort des Monats) by indigo on 16-05-2009
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es sind Übersetzer, sie fliehen geschwind.
An denen liegt es nämlich, dass sich Schulklassen seit Generationen fragen müssen, was an einem Baumkönig eigentlich so furchteinflößend ist und weshalb der es überhaupt auf einen kleinen Jungen abgesehen hat. Mein Freund der Baum kriegt da eine entschieden finstere Seite.
Ein Blick in die Vergangenheit hilft weiter: Der Erlkönig war ursprünglich ein niederdeutscher „elle(r)konge“, und dadurch kam das Missverständnis erst zustande. „Eller“ bedeutete „Erle“, war hier aber gar nicht gemeint. Bei der Übertragung ins Hochdeutsche wurde übersehen, dass das Wort eigentlich mit dem dänischen „ellekonge“ verwandt ist, und damit lässt sich das Rätsel auflösen:
Der Erlkönig ist eigentlich ein Elfenkönig.
Filed Under (Wort des Monats) by indigo on 20-04-2009
Federlesen, eine sehr schöne Wendung aus dem Bereich Kleiderpflege. Sie stammt aus dem späten Mittelalter, wo hochgestellten Persönlichkeiten noch kleine Daunen von den Kleidern abgesammelt wurden, damit sie präsentabel aussahen. Schon damals war dieses Absammeln nicht nur einfach Reinlichkeit, es bedeutete auch übertriebene Umständlichkeit. Der Vorgang der „vederlesen“ wurde so im übertragenen Sinn zu „einschmeicheln“.
In der heutigen Form „ohne viel Federlesens“ ist also „ohne Umstände“ gemeint.
Filed Under (Wort des Monats) by indigo on 16-03-2009
Estragon, das harmlos und unschuldig wirkende Gewürz, hat feurigere Verwandte, als man gemeinhin annehmen würde. Sein heutiger Name stammt aus dem Französischen, daher lässt sich seine Herkunft nicht mehr ganz so leicht nachvollziehen. Die ältere deutsche Bezeichnung lautete „Dragon“, und was man bei dieser Schreibung vermutet, ist tatsächlich vollkommen richtig. Sowohl „Dragon“ als auch „Estragon“ sind über das Arabische „ṭarḫūn“ aus dem Griechischen zu uns gekommen. Da hieß es „drákōn“, „Drache“.
Wie die Griechen darauf gekommen sind, ein Küchenkraut so zu nennen, bleibt allerdings im Dunkeln.
Filed Under (Wort des Monats) by indigo on 18-02-2009
Seit Helm kennt sie jeder, zumindest jeder fleißige Kinogänger. Aber was genau ist eigentlich eine Klamm?
Da könnte man zunächst an etwas Feuchtkaltes denken, die Festung im Herrn der Ringe ist ja recht düster und wenig heimelig. Das Adjektiv „klamm“ bedeutet allerdings nicht „feuchtkalt“, sondern „steifgefroren“. Wie das Substantiv kommt es von „klemmen“, und damit kommen wir der Sache näher. „Klemmen“ bedeutete ursprünglich „zusammendrücken“ oder „zusammenkrampfen“. Das entsprechende Substantiv hierzu, das mittelhochdeutsche „klam“, stand für „Fessel, Krampf“ oder „Beklemmung“. Die Klamm war also irgendwann einmal eine Enge oder eine Klemme.
Bis zum 11. Jh. Erhielt sie dann ihre heutige Bedeutung: Felsschlucht mit Wildwasser. Wo das Wasser plötzlich herkam? Tja, die Wege der Wörter bleiben manchmal unergründlich.