Wir kennen nur die Vergangenheit …
Filed Under (Aus der Tagespresse) by Vistin on 01-03-2009
Tagged Under : Katastrophen, Panikmache, St. Helens, Titanic
… und auch die nicht wirklich. Der Klimaskeptiker George F. Will hat uns wieder einmal daran erinnert, was die Wissenschaft darf und was nicht. Aus meinem Geographiestudium kenne ich die Problematik gut. Wenn du nicht 100% sicher sein kannst, halt lieber den Mund, weil dir eh keiner glauben wird.
Beim Lieblingsthema des amerikanischen konservativen Publizisten Will heißt das, dass es die globale Erwärmung nicht gibt und wenn, dann sind die Menschen nicht schuld und wenn doch, dann ist das immer noch kein Grund zur Panikmache, weil man dann nicht sagen kann, wie schlimm es wirklich kommt. Aus der reinen Wissenschaft heraus betrachtet, hat Will Recht: Bevor eine Theorie nicht bestätigt ist, bleibt sie nur eine Theorie unter anderen und bestätigen konnten wir bisher nur sehr wenige Theorien. Doch was wissen wir als Menschen denn schon sicher?
Die Mutter, die ihre Kinder davor warnt, zu heftig zu toben, hat nicht die geringste Ahnung, ob sich Max das Knie aufschlägt, oder Moritz das Auge aussticht, sie weiß noch nicht einmal, ob sie sich wirklich weh tun werden, sie hält es nur für wahrscheinlich. Trotzdem spricht sie eine Warnung aus, ja sie greift sogar mit ihrer elterlichen Gewalt ein, wenn es sein muss. Wissenschaftlich ein unverantwortliches Verhalten. Merkwürdig … Wieso werden Eltern, die sich an das wissenschaftliche Gesetz der Deskription, also der Analyse des Geschehenen, halten, vom Jugendamt verfolgt?
Als der “inaktive” Vulkan St. Helens 1980 innerhalb von Tagen eine gewaltige Beule bekam, schrien alle Geologen weltweit: “Sperrgebiete einrichten, das Ding geht gleich hoch!” Die damals zuständige Politikerin reagierte auf diese “Panikmache” jedoch nur mit einer Frage, die jeder Geologe und Geograph fürchtet: “Wann?” – Diese Frage kann von keinem Wissenschaftler beantwortet werden, weil die Erde ein sehr komplexes System ist und wir uns auf die Fähigkeit, “DAS” sagen zu können, viel einbilden dürfen. Auf die Uhr zu sehen und einen Vulkanausbruch zu terminieren, ohne die eigene wissenschaftliche Reputation zu gefährden, ist unmöglich. Unverschämterweise fiel der Vulkanausbruch in die Anglersaison und da die Politik nicht wochenlangen auf die Einnahmen aus dem Verkauf von Angellizenzen verzichten wollte, starben 64 Menschen in Gebieten, die kein Wissenschaftler betreten hätte, ohne ein Testament zu verfassen.
Soviel zur Realität: Wissenschaftler dürfen nicht warnen, wenn sie es nicht GANZ genau wissen, weil das dann Panikmache ist, da Wissenschaftler aber nur das ganz genau wissen, was schon passiert ist, dürfen sie gar nicht warnen – nur dasitzen und auf das Stichwort warten, um zu sagen: Das, was gerade passiert ist, war seit x Jahren wahrscheinlich. Und wenn verzweifelte Opfer fragen, wieso sie nicht gewarnt worden sind, lautet die Antwort auch immer gleich: Wir wussten nicht wann, daher habt ihr nicht gehört. Dabei ist es egal, ob es der garantierte Ausbruch eines der drei Megavulkane der Welt, der vorprogrammierte Tsunami im Mittelmeer (Anm.: da gibt es kein Frühwarnsystem) oder der Großbrand in einer asiatischen Megastadt (Anm.: Genialerweise gibt es für diesen Fall schon Neubebauungspläne. Sehr pragmatisch die Asiaten, verhindern können sie es nämlich nicht) ist – die Wissenschaft spielt ein makabres Orakel der Zukunft, mit einem ganzen Archiv voller Katastrophen, die man nicht verhindern kann, weil man nicht weiß, wann sie eintreffen und der Mensch nicht vernünftig genug ist, Gefahren ohne Termin einfach aus Prinzip zu meiden oder sie zumindest zu bedenken.
Doch was ist mit der Kunst? In unserem Fall mit der Literatur. Was ist, wenn ein Autor über ein Ereignis schreibt, das garantiert so eintreffen wird, nur ohne Termin? Was passiert, wenn dieses Buch dann auch noch ein Bestseller wird? Ruft eine literarische Verarbeitung das Ereignis ins Bewusstsein der Menschen oder wird es durch es durch den fiktiven Kontext nur unwahrscheinlicher?
Als 1912 die Titanic sank, gab es einige Leseratten, die ungläubig ins Bücherregal griffen, um “Titan”, eine Novelle des Autors Morgan Robertson, hervorzuholen, die bereit 14 Jahre früher ein sehr ähnliches Ereignis beschrieb. Dabei wäre es übertrieben, Robertson hellseherische Fähigkeiten zuzusprechen. Als Sohn einer seefahrenden Familie, der sein ganzes Leben mit Schiffen und auf See verbracht hatte, war die Katastrophe der Titanic für ihn einfach nur wahrscheinlich. Selbst die Namenswahl ist kein Zufall: Robertson war klar, dass Schiffe gerne nach Göttern und Figuren der Mythologie benannt werden, und wenn er als Autor sein größtes Schiff der Geschichte konstruiert, benennt er es automatisch genauso wie der Ingenieur, der tatsächlich Stahl zusammennietet. Morgan Robertson ist mit seiner Novelle nicht berühmt geworden und auch Filme wie “Supervolcano” sind nicht gerade Kassenschlager, während Dan Brown mit seinen “Illuminati” Millionen verdiente, obwohl sich keiner Papst Benedikt auf dem Dach des Petersdom vorstellen kann. Oder ist genau das der Grund?
Der Mensch erkennt unterbewusst die potenziell realen Gefahren in der Fiktion und lehnt sie ab, weil die Akzeptanz des Fiktiven ihn dazu zwingen würde, sich mit dem Problem auseinander zu setzen und ihn so auch in der Realität näher an die Sache heranführen würde. Diese Auseinandersetzung würde uns aber die Unschuld rauben, weil wir nicht mehr sagen können, wir hätten es “nicht gewusst” und uns damit zur Verantwortung ziehen.
Ist nur eine Theorie, aber: “Die Menschen sind allesamt Lemminge”
