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Burgfolk 2010

Category : Gehört

Und da wären wir wieder. Mülheim, nach dem obligatorischen Verlaufen in der Bahnhofsgalerie – man hat das Gefühl das Ding wäre größer als die ganze Stadt – standen wir mal wieder vor dem ehrwürdigen Gemäuer des Schloss Broich. Hier finden inzwischen zwei der besten und in Qualität und Stimmung zuverlässigsten Festivals des Ruhrgebiets statt. Eines davon ist das Burgfolk, das 2010 eigentlich schon wegen eines einzigen Namens ein Muss wurde: Nachtgeschrei!

Dabei ist es eigentlich zum heulen, dieses Jahr steigen für mich alle Festivals mit dem Höhepunkt des Abends ein um dann in Belangloses oder Altbekanntes abzugleiten.

Nachtgeschrei hatte uns nach Mühlheim gezogen und spielte flux als zweite Band am ersten Tag. Die sieben Frankfurter stürmten die Bühne und eroberten im Sturm das Publikum. Hotti, das Energiebündel von einem Frontmann, kann man noch nicht einmal mit Fesseln halten und ich warte auf den Tag, bis sich die Reihen zu Füßen dieser genialen Liveband endlich weit genug gefüllt haben, auf dass er den Sprung ins Publikum wirklich riskiert, nach dem es ihn so sehr zu verlangen scheint. Es wird ein sehr langer Instrumentalpart folgen müssen, denn dann sieht man ihn nicht so bald wieder, aber das würde der Stimmung keinen Abbruch tun, denn Nachtgeschrei überzeugen nicht nur durch eine hervorragende Stimme und mitreisende Vokals, sondern vor allem durch anspruchsvolle und mitreisende Kompositionen.

Selten habe ich eine so leidenschaftliche und dankbarere Band auf der Bühne gesehen, der man die Freude an der Musik und dem Liveauftritt so ehrlich anmerkt. Diese Begeisterung schlägt schnell aufs Publikum über und auch Nachtgeschreineulinge steigen in die Schreie aus der Nacht ein und haben diese Glut in ihren Augen, wenn die Band nach viel zu kurzen 45 Minuten die Bühne verlässt.

In Mühlheim präsentierten Nachtgeschrei einen ersten, noch Namenlosen Song von ihrem neuen Album und versprachen damit zum dritten Album gleichbleibende Qualität bei begeisternder Kreativität.

Es wärmte mir das Herz auch bei diesem Festival wieder von Leuten umgeben gewesen zu sein, die meinten: „Ich kenne die Jungs zwar nicht, aber die machen irre Spaß!“

EIN GURTKLAVIER! Seit meinem sechzehnten Lebensjahr habe ich kein Gurtklavier mehr auf der Bühne gesehen! Alestorm versetzten mich in meine frühste Jugend zurück und brachten mich dazu mir meine Reputation endgültig zu ruinieren.

True Scottish Pirate Metal nennen die Jungs aus Schottland ihre Musik und sofern sie bei der Bezeichnung grinsen, trifft es voll und ganz zu. Die marinen Texte sind nicht ganz ernst zu nehmen, die Musik jedoch auch nicht ganz. Ich würde es als Speedy Metal bezeichnen, laut, grell, schnell und spassig. Die perfekte Musik um sich ein Schleudertrauma und drei Wochen Nackenschmerzen zu holen oder auch alle Bang-Figuren zu üben, die man sonst nie so lange halten konnte.

Ausgefeilte Komposition geht nämlich anders, Alestorm setzt auf eher einfache, gradlinige Melodien und Riffs, die mit unglaublich viel Feuer, Tempo und Energie auf das Publikum niedergehen. Immer wieder unterbrochen durch schrille 80er Jahre Soli a la Van Halen. Im Wohnzimmer wäre diese Musik wohl ein Kündigungsgrund für den Vermieter, doch im nicht all zu warmen mülheimer Wetter war es die perfekte Spaßmusik, um das Blut in Wallung und die Hände warm zu halten. Predikat: Live eine geniale Zappelband!

Und wo wir beim Spaß sind: Hier kommen Hauptmann Feuerschwanz und seine Mannen! Ob sich Feuerschwanz ernst nimmt muss man nicht erst fragen. Sie eröffneten ihre Party mit dem Song Metvernichter und die Leutchen sind so durch, dass man ihnen glatt glaubt, dass sie auf nicht nur einen Fassgrund gesehen haben.

Mit dem Klassiker Met und Miezen kochte bereits der Broicher Innenhof und als Prinz Hodenherz zu seinen Untertanen herniederstieg, um eine festivalweite Polonaise anzuführen war es um mich geschehen. Im wahrsten Sinne des Wortes! Eigentlich wollte ich mich raushalten, doch da griff eine gigantische Pranke, die zu einem gewaltigen pelzigen Oger gehörte nach mir und zerrte mich mit sich. Schier Stunden später strandete ich, ziemlich zerzaust und außer Atem, weit ab meiner Gefährten beim Bierstrand und hatte das diffuse Gefühl das jemand unerlaubterweise an meinem Arsch dran war.

Aber weg vom Klamauk wieder hin zu genialer Musik: Fejd. Die Band um die, sich – in meinem leicht übermüdeten Zustand am zweiten Festivaltag – etwas zu ähnlich sehenden, Brüder, war meine persönliche Neuentdeckung auf diesem Festival. Sie blonden Schweden sind eine Augenweide und ein Hörgenuss sondergleichen. Schwedische Texte mit Folkloristischer Instrumentierung und eindringlichen Melodien, die bewegten und begeisterten. Etwas ruhiger als andere Höhepunkte dieses Festivals, aber trotzdem mitreisend und flott.

In eine ähnliche Kerbe schlugen dann auch Eluveitie, eigentlich sind die Schweizer für Pagan-Metal bekannt, doch auf dem Burgfolk präsentierten sie sich zuerst mit ihren akustischen Werken, die durch feine Kompositionen und ruhige Melodien beeindruckten, die Metalfraktion jedoch nicht gerade überzeugten. Die auf den ersten Blick etwas unscheinbaren Stücke sind auch nicht gerade dafür geeignet um Massen in Wallungen zu bringen, doch mit Omnos schalteten sie in der zweiten Hälfte des durch technische Probleme leider etwas verkürzten Auftritts auf die härtere Schiene und rockten zum Abschied noch einmal so richtig, auf dass das Metalerherz etwas für den Heimweg habe.

Für alle die sich wundern wieso ich bisher kein Wort über die beiden Headliner dieses Festivals verloren habe, na ja, am Freitag spielten Corvus Corax was soll man dazu noch sagen? Sie sind die Könige der Spielleute. Ein perfekter, professioneller Auftritt, herrausragende mittelalterliche Musik, in einer beeindruckenden Bühnenshow präsentiert. Man kann kein schlechtes Wort über diese hervorragende Truppe verlieren, doch ich bin einerseits kein großer Mittelaltermusikfan, und andererseits nun schon seit über 10 Jahren in dieser Musikszene unterwegs und wenn man zum fünften Mal dazu aufgefordert wird, nicht so dämlich durcheinander zu klatschen, dann springt der Funke nicht mehr über, egal wie charismatisch Teufel dabei schauen mag.

Saltatio Mortis habe ich bereits vor fünf Jahren verrissen, als der Frontmann noch wie Eric Fisch auszusehen versuchte, als er Jahre später wie Tokio Hotel aussah, konnte er immer noch nicht singen noch texten und obwohl ich mir jede neue Scheibe anhöre, in der Hoffnung sie mögen endlich Musik machen, die ihrem Beliebtheitsgrad entspricht, wurde ich stets enttäuscht und daher brachen wir pünktlich zum Sandmännchen nach hause auf. Faszineirenderweise von einer reichlichen Traube Metaler begleitet.