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DVDs und BMWs

Category : Kommentiert

Das “Don’t make me steal”-Projekt hat eine hitzige Diskussion ausgelöst, eine dieser Diskussionen wurde mit dem Argument:

Zitat: “BMW sollte die Preise für den X5 endlich mal senken, damit nicht so viele Menschen zu Dieben werden.” – von feierabend bei golem.de – (zum ganzen Beitrag) begonnen.

Wie kommt man auf so dumme Vergleiche?

Wie kann man eine Luxusversion einer umfassenden und vielseitigen Produktpalette mit einem ganzen Wirtschaftszweig vergleichen? Wenn ich mir keinen X5 leisten kann, kaufe ich mir einen gebrauchten Golf 2er, der die Hauptleistung – Fortbewegung – genauso erfüllt wie der BMW. Wenn ich mir kein Auto erlauben kann, fahre ich Bus oder Bahn, da zahle ich nur für die tatsächliche Fahrt. Ich habe ein breites und vielseitiges Angebot, aus dem ich wählen kann.

Bei Filmen habe ich ja auch kein Problem damit, auf die Luxusausgabe vom Herrn der Ringe mit 60 Stunden Bonusmaterial, Hochglanzfotobuch und fußgeknöppelten Buchstützen zu verzichten, da würde ich nicht auf die Idee kommen, sie zu klauen. Aber wenn ich aufgrund von fehlenden Transportmöglichkeiten dazu gezwungen wäre, überall zufuß hingehen zu müssen, wäre ich genauso auf den Barrikaden, wie jetzt bei der Filmproblematik!

Es geht nicht darum, dass man doch ja!-Milch statt Landliebe trinken soll, es geht darum, nicht zu verdursten! – Ja, das war auch wieder nur Polemik. Doch da gibt es noch ein anderes Argument, das diesen Vergleich ad Absurdum zieht.

Wenn ich in ein Autohaus gehe und mein Interesse für den BMW bekunde, springen fünf Verkäufer um mich herum. Passt mir die Farbe der Sitzbezüge nicht, bekomme ich schier unendliche Musterbücher mit Farben, Stoffen und Formen, ich kann handeln, Zusatzfunktionen und Angebote verlangen, ich habe Garantien und Serviceversprechen, ich kann mit dem Auto eine Probefahrt machen. Ich zahle nicht für das nackte Produkt, sondern für eine umfassende Leistung. Wenn mir das Auto nicht gefällt, kann ich es zurückgeben.

Bei Filmen ist das nicht der Fall! Ich hätte gerne die ersten drei Staffeln Buffy in überarbeiteter Bild- und Tonqualität (Standardvorgehen bei älteren Produktionen). Kann ich mir lange wünschen, außer ich bezahle die ganze Überarbeitung selbst (Beim BMW bezahle ich ja auch nur den Aufpreis auf die Klimaanlage nicht ihre Entwicklung!). Ich hätte gerne Hüllen, aus denen ich die DVDs herauslösen kann, ohne sie fast zu brechen oder zumindest ein Serviceversprechen, dass mir die DVDs ersetzt werden, sollten sie beim Herausnehmen brechen. Ich möchte das Geld für die Kinokarte zurück, wenn ich mitten im Film das Kino verlasse, weil mir das “Modell” nicht gefällt. Aber nein, wenn ich einen Film “probefahren” möchte, bin ich sofort ein Raubkopierer und werde auf die psychologisch zusammengeschnittenen Werbefilmchen namens Trailer verwiesen! Schon einmal erlebt, dass ein Autoverkäufer einen Kunden auf das Werbevideo verweist, wenn dieser eine Probefahrt haben möchte? Aber das wichtigste: Bei Filmen habe ich kein Rückgaberecht! Das sorgt dafür, dass digitale Medien mit KEINEM anderen Produkt verglichen werden können! Ich darf einen Pullover, wenn er mir nicht gefällt, zurückgeben, aber ich kann keinen Film zurückgeben, nur weil er mies war! Und dabei ist auch dieser Vergleich holprig, weil die Qualität eines Films nun einmal über das Gefallen läuft, wenn ich also einen Film wegen einer irrwitzigen Story, schlechten Schauspielern, indiskutablem Bild und miesem Ton zurückgeben möchte, ist es so, als würde ich einen Pullover zurückgeben, weil er sich beim ersten Waschen in Einzelteile aufgelöst hat. Tue ich das bei einem Pullover, kriechen die Angestellten des Bekleidungsgeschäfts vor mir auf den Knien, während die Filmindustrie nur lauthals lacht!

Nächstes Argument: Ein BMW passt in eine Garage und wenn nicht, kann man ihn immer noch auf der Straße parken, man kann mit ihm ins Ausland fahren und die Autobahn nutzen wie auch die Landstraße, man darf ihn verleihen und Leute mitnehmen. Wenn ein Taxifahrer einen BMW kauft, zahlt er sogar weniger, Autoverleiher genauso, will ich mit dem Auto Geld verdienen, zahle ich dafür WENIGER! Wie ist es bei DVDs? – Je nach Anbieter brauche ich dieses oder jenes Abspielgerät, im Ausland funktionieren sie nicht, ich darf sie nur mit x Freunden teilen und nicht kommerziell nutzen (z.B. verleihen – dafür muss ich eine deutlich teurere Lizenz bezahlen). Wo sind da die Parallelen?

Doch das wichtigste Argument, das den Vergleich als völligen Blödsinn hinstellt, ist das offensichtlichste: Wenn ich einen BMW stehle, fehlt irgendwo ein BMW. Wenn ich eine Filmdatei herunterlade, gibt es nur eine Kopie mehr, sie fehlt nirgends. Diese Tatsache ist es, die die Grenze bei digitalen Medien prägt. Wenn es einen Ort gäbe, an dem sich BMWs klonen, ohne Kosten oder Schaden zu verursachen, bist du dir dann sicher, dass du nicht zugreifen würdest?

Fakt ist, dass ich für schlechte Filme, in schlechter Aufnahmequalität und mieser Aufmachung NIE Geld bezahlen werde und wenn ich, um dies zu beurteilen, mich als Raubkopierer bezeichnen lassen muss, ist es mir recht. Ich zahle nur für das, was ich geprüft habe: Ich probiere Kleidung an, bevor ich sie kaufe, ich teste Technik und gebe sie zurück, wenn sie ihren Zweck nicht erfüllt, ich lese Bücher im Laden an, bevor ich sie kaufe und solange mir die Filmindustrie offiziell diese Möglichkeit bei Filmen verwehrt, werde ich andere Mittel und Wege nutzen!

Und was den wirtschaftlichen Schaden angeht: Wenn die Filmindustrie morgen das Internet verbieten würde, würde ich einfach keine Filme mehr kaufen, gar keine! Jetzt da ich sie “illegal” testen kann, kaufe ich welche.